Für Angehörige von Angehörigen
Erfahrungsbericht vom Vater der Patientin A.
Die Veränderungen in und an unserer Tochter waren schleichend und im Alltagsgeschehen verdeckt. Sie aß normal mit am Tisch, sie verhielt sich normal (altersentsprechend) uns gegenüber, wir hatten die normalen Eltern-Kind-Konflikte. Die schulischen Leistungen waren dem, was uns bekannt war. A. hatte viele Aktivitäten, uns waren es schon zu viele. Irgendwie glich dies eher einer Rastlosigkeit, vielleicht auch Flucht? In den letzten Wochen, bevor ich ihre Erkrankung entdeckte, war es aber für uns alle deutlich spürbar, dass etwas nicht stimmte. A. wurde immer einsilbiger, war schnell grundlos bzw. nicht angemessen aufbrausend. Auch körperlich wurden die Veränderungen langsam sichtbar.
Dahinter zu kommen, dass die eigene Tochter eine Essstörung haben könnte dauerte schon eine Zeit. Alle innerhalb der Familie und auch einige aus dem weiteren Umfeld hatten irgendwie, irgendwann einen Verdacht, nein, eher eine unbestimmte Wahrnehmung, die, hätte jeder sie zur gleichen Zeit zur gleichen Stelle einander mitgeteilt, die Krankheit in einem frühen oder latentem Stadium erkennen lassen können. Dieses "Hätte" ist jetzt noch schmerzlich, obwohl wir wissen, dass ES sich im Stillen manifestieren und ablaufen. Dennoch, retrospektiv nach nunmehr einem Jahr seit Ende des stationären Aufenthalt lässt sich festhalten, dass wir Glück hatten und dankbar über den bisherigen Verlauf sind.
Als mir klar war, dass es so ist wie ist und ich unsere Tochter damit konfrontieren konnte, hatte ich große Angst. Was wäre gewesen, wenn sie nicht auf das Angebot der Hilfestellung eingegangen wäre. Sie war zum Glück noch motiviert genug. A. hat den Vorschlag angenommen, Kontakt zu zur Klinik aufzunehmen. Diese Entscheidung war letztlich die wichtigste Entscheidung von ihr im Verlauf ihrer Erkrankung und hat die Weichen in die richtige Richtung gestellt. Ich denke, wir wären chancenlos gewesen und ich glaube, dass dies heute A. ein gesundes Selbstwertgefühl vermittelt, es selbst aus der Krankheit geschafft zu haben. Das ist ganz wichtig zu wissen. Nur A. war in der Lage sich für oder gegen die Erkrankung zu entscheiden. Ich betone das deswegen, weil klar sein muss, wo die "Verantwortlichkeiten" liegen. Das schützt beide "Parteien", Betroffene und Angehörige, vor falschen gegenseitigen Erwartungen und uns, als Angehörige, vor der "Co-Abhängigkeit. Das ist das Wichtigste, wenn es auch sehr, sehr schwierig und schmerzlich ist, dies so zu akzeptieren.
Erfahrungsbericht vom Vater der Patientin B.
Dass unsere Familie eines Tages so etwas wie "Anorexie" ereilen würde, haben wir, die Eltern uns bis zum Sommer 2004 nicht im entferntesten vorstellen können.
Klar, alle Mädchen im Alter von 14 träumen davon, attraktiv und dünn zu sein – unsere Gesellschaft, die Medien, die Zeit in der wir leben geben diese Regeln vor.
Wir haben diese „Normen" unreflektiert akzeptiert" und nie darüber nachgedacht, welchen Sprengstoff sie beinhalten können.
Im September 2004 viel uns dann auf, dass unsere Tochter ihr Essverhalten in rapiden Schritten veränderte. Sie schloss zunächst gewisse Nahrungsmittel z.B. Fleisch kategorisch aus, aß immer weniger und seltener.
Diese Zeit war von extremen Stimmungsschwankungen geprägt, wir als Eltern waren mit der Situation vollkommen überfordert und wie gelähmt. Angst und Panik kam auf und beherrschte die Situation Tag und Nacht.
Wir suchten Rat bei einem Kinder- und Jugendpsychiater in Düsseldorf, der von unserer Krankenkasse als Sachkundiger in Punkte „Essstörungen" empfohlen wurde.
Die Situation erwies sich als vollkommene Katastrophe. Der Arzt bezeichnete sich selber in der Sache als nicht kompetent; seitens der Praxis wurde uns auch keinerlei Hilfestellung für unser tägliches Leben an die Hand gegeben.
Unsere Tochter stellte dann im Winter 2004 die Nahrungszufuhr komplett ein.
Dann kam der Tag, an dem wir Eltern aufgewacht und auf die Bremse getreten sind.. 40 Kg Körpergewicht waren erreicht.
Durch den Kinder-. Und Jugendpsychiater aus Düsseldorf sind wir an die Nummer der Ambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie der UK Aachen gekommen, haben dort angerufen, und auch sehr kurzfristig einen Not-Termin vereinbaren können.
Bei einem Gespräch mit einer Psychologin der Ambulanz hatten wir zum ersten mal seit Monaten das Gefühl, dass es Leute gibt, die mit der Situation sachkundig umgehen können und diese auch beherrschen – wir Eltern waren zu diesem Zeitpunkt dazu überhaupt nicht in der Lage. Unsere Tochter wurde wenige Tage später stationär in der Klinik aufgenommen, da der körperliche Substanzverlust keine andere Wahl mehr ließ.
Die Situation, sein Kind in eine psychiatrische Klinik zu bringen in der es auch noch künstlich durch eine Magensonde ernährt wird, war zuerst befremdlich - Aber endlich waren wir als Eltern nicht mehr alleine mit der unendlichen Belastung, mit all der Angst und Hilflosigkeit.
Im Rahmen des Klinikaufenthaltes nahmen wir an einer Schulungsmaßnahme teil , in der wir sehr essentielle Dinge über Anorexie, Hintergründe und Entstehungstheorien sowie Ernährung erfahren haben.
Desweiteren wurden uns unterstützende Verhaltensregeln für unser familiäres Zusammenleben an die Hand gegeben - eine Lebenshilfe, die für uns als Familie bis heute sehr wichtig ids. Der Druck schwächte sich mehr und mehr ab
Unsere Tochter wurde nach 12 Wochen ins Leben entlassen. Es wurde ein Vertrag geschlossen, der die Bedingungen für eine Wiederaufnahme regelte, eine unabdingbare Maßnahme, ohne die wir die Folgezeit wesentlich schlechter überstanden hätten, denn ein Vertrag ist irgendwie bindend und wir als Eltern haben etwas in der Hand, auf das wir uns zurückziehen können.
Wir wussten, dass die Anorexie nicht besiegt ist, aber wir waren anders aufgestellt, und konnten anders und besser mit diesen Dingen umgehen, denn
1.) wir als Eltern suchen primär keine Schuld mehr bei uns
2.) wir verfügen jetzt über mehr Hintergrundwissen und Verhaltenshilfen
3.) wir haben im Falle eines Falles eine Anlaufstelle im Hintergrund
Nach neun Monaten wurde eine stationäre Wiederaufnahme notwendig, da der Vertrag nicht erfüllt worden ist.
Diesmal war die Situation eine vollkommen andere :
Die depressiven Abstürze waren nicht zu verzeichnen.
Die körperliche Verfassung war wesentlich besser, da das Gewicht wesentlich höher war als bei der ersten Aufnahme.
Wir hatten den Vertrag, der gewisse Dinge schwarz auf weiß regelt.
Wir als Eltern wissen, dass und wann wir handeln müssen.
Wir wissen, an wen wir uns wenden können.
Angst und Panik sind nicht mehr aufgetreten, man ist in der Lage bewusster und rational zu handeln.
Unsere Tochter ist nun seit etwa 10 Wochen wieder zu Hause und hat ihr Leben derzeit gut im Griff. Wir als Eltern (und speziell ich als Vater) haben uns unterstützt durch das Klinik-Team weiterentwickelt und kommen derzeit mit uns und der anorexiebedingten Situation ebenfalls gut zurecht.
Schwierig ist, eine kompetente nachstationäre Nachbetreuung zu finden, ohne die man unserer Meinung nach keine Chance hat. Leider gibt es nur sehr wenige geeignete Anlaufstellen, die zudem noch hoffnungslos überlaufen sind.
Nach dem ersten Klinikaufenthalt sind wir an eine sehr zögerliche Therapeutin gelang, die zudem von der zu Therapierenden beherrscht wurde.
Diesmal wissen wir, worauf wir bei der Auswahl achten müssen – wir arbeiten noch dran.
Ob das Thema "Anorexie" ausgestanden/beherrschbar ist, wird die Zukunft zeigen. Wir haben jedenfalls keine falschen Erwatrungen oder illusionäre Vorstellungen an die Zukunft und genießen jeden Tag, der gut ist.
Erfahrungsbericht von der Mutter der Patientin C.
Der erste Kontakt zur Klinik ist mir sehr gut in Erinnerung. Die Atmosphäre war entspannt, ungezwungen und frei von Schuld. A. fühlte sich nach ihren Aussagen gleich angenommen. Zunächst ging A. ambulant zur Therapie unter der Auflagen: kein Gewichtsverlust und keine bulimischen Attacken. Die Chance für die ambulante Therapie ist für die Erkrankung nicht hoch. Aber dennoch war es wichtig, dass die Klinik A. diese Chance einräumte. So hatte sie das Gefühl den Verlauf ihrer Behandlung mitgestalten zu können. Die Voraussetzungen waren natürlich schwierig, A. merkte das selbst. Nach ca. 4 Wochen wurde es ihr klar, dass eine stationäre Behandlung unausweichlich war und ihre Einwilligung kam ohne großen Widerstand, als alle ihr das Gefühle geben konnten: Du hast nicht versagt, sondern die Krankheit ist zu stark. Parallel zur Behandlung gab es für uns Eltern eine Elternschulung (keine Therapie oder Behandlung). Die Schulung ist ungemein wichtig und wertvoll. Die Historie und den Kontext der Erkrankung zu kennen, das Therapiekonzept (welches auch mit seinen Nachteilen vorgestellt wurde), die aktuellen Ergebnisse aus der Wissenschaft dazu, aus der Ernährungsforschung. Kurzum, der "Crashkurs" in Essstörungen brachte uns das Gefühl, zu verstehen was mit A. passiert (die Wechselwirkung zwischen den psychischen und physischen Aspekten der Erkrankung), zu verstehen wo sind wir in dieser Erkrankung, zu verstehen was passiert mit unserer Tochter hier in der Klinik (wer macht was und warum). Die stationäre Aufnahme war für uns, trotz all der inneren Vorbereitung, hart. Als wir A. an der Tür zurücklassen mussten, hat uns das sehr wehgetan. Aber auch das ist notwendig, loszulassen. Uns war bewusst, dass A. hier eine Entwicklung durchmachen würde, an der wir als Eltern nicht so nahe teilnehmen können. Immerhin fanden wichtige Entwicklungen statt. A. war ja nicht nur Essgestört sondern auch in ihrer Pubertät. Zwei dynamische Ereignisse. Die Zeit in der Klinik hat A. zu einer Selbstständigkeit geführt, mit der wir uns arrangieren mussten. Heute nach einem Jahr sind wir in der glücklichen Lage, eine Tochter vor uns zu haben, die offen mit uns über den Stand ihrer Erkrankung kommunizieren und die Gefahren für einen Rückfall einschätzen und beurteilen kann.
Als unsere Tochter, damals 14 Jahre alt, von einem Schüleraustausch in Frankreich zurückkam, erlebten wir sie in einem sehr schlechten Zustand. Sie erbrach ständig, nahm drastisch ab und entwickelte eine schwere Depression mit Selbstmordgedanken. Was wir schon länger befürchten hatte, wurde zur Gewissheit: Sie ist magersüchtig.
Verzweifelt suchten wir nach schneller Hilfe. Zunächst riefen wir verschiedene Psychologen vor Ort an, konnten jedoch nur einen erreichen. Dieser gab uns den Rat, uns an die Krankenkasse wegen geeigneter Adressen zu wenden. Die Krankenkasse schickte uns daraufhin mehrere Adressen aus der weiteren Umgebung. Nach zahlreichen Telefonaten konnten wir schließlich einen Psychiater für Kinder und Jungendliche in Düsseldorf ausfindig machen. Er stellte sofort Termine zur Verfügung. Unsere Tochter wollte diese Hilfe zuerst nicht annehmen. Es ging ihr zusehends schlechter und sie war hin und her gerissen von ablehnender Haltung bis zur Zustimmung die Termine wahrzunehmen. Aufgrund ihres schlechten Zustandes konnte sie die Schule nicht mehr regelmäßig besuchen. Es stellte sich zudem heraus, dass der Psychiater in Düsseldorf nicht auf Essstörungen spezialisiert war und somit unserer Tochter nicht wirklich helfen konnte. Er verwies uns an die Ambulanz für Kinder und Jugendpsychiatrie nach Aachen. Dort konnten wir einen sofortigen Termin erwirken. Es war mittlerweile Dezember und kurz vor Weihnachten. Da unsere Tochter keine Nahrung mehr zu sich nahm und auch das Trinken verweigerte – sie wollte unbedingt verhungern und verdursten – wurde sie am 24. 12. 2004 stationär in der Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie aufgenommen. Diese Aufnahme erfolgte für unsere Tochter nicht freiwillig. Entsprechend böse war ihre Reaktion, was uns unsere Entscheidung sehr erschwerte. Wir waren jedoch mit unserer Kraft am Ende und sahen keine andere Möglichkeit. Wir trösteten uns mit dem Wissen, dass unsere Tochter in professionellen Händen war und wir keine Angst mehr wegen ihrer Selbstmordgedanken haben mussten. Es stellte sich schnell heraus, dass unsere Entscheidung richtig war und auch unsere Tochter sah dies schnell ein. Trotzdem hat uns und unserer Tochter diese Zeit in der Klinik sehr belastet. Anfangs wurde sie mit einer Magensonde ernährt, was ihr die Verantwortung fürs Essen abnahm. Sie brauchte nicht sich selbst die Schuld fürs Essen zu geben, sondern konnte die Verantwortung für das langsame zunehmen auf die Magensonde schieben. Die ständigen Vorwürfe, warum sie in der Klinik ist, das ständige bitterliche weinen bei den abendlichen Telefonaten mit unserer Tochter, zermürbten uns. Anfang März 2005 hatte sie genügend zugenommen, dass wir in Absprache mit der Therapeutin eine vorzeitige Entlassung aus der Klinik ins Auge fassten. Am 16.03.2005 war es dann soweit, unsere Tochter kam nach Hause. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass diese Entscheidung falsch war. Wir konnten zwar sofort Termine bei einer Psychologin für anschließende Gespräche erwirken, aber es handelte sich nicht um eine Therapie, sondern nur um Gespräche. Das war in ihrer Situation nicht ausreichend. Jedoch waren wir erst einmal froh, dass unsere Tochter zuhause war und unser Miteinander war sehr gut. Sie aß anfangs nach Plan, stellte aber fest, dass sie weiter zunahm. Das bereitete ihr große Sorgen. Sie ließ daraufhin die Zwischenmahlzeiten weg. Da sie aufgrund der vorzeitigen Entlassung nicht gelernt hatte ihren Essensplan selbst zu gestalten, reduzierte sie in den nächsten Monaten immer weiter. Es gelang ihr jedoch immer wieder den Vertrag, der bei der Entlassung beschlossen wurde, einzuhalten. Bei diesem Vertrag handelte es sich um die Einhaltung eines bestimmten Mindestgewichtes. Sie ging wöchentlich zur Psychologin und wurde dort gewogen. Mit der Psychologin wurde vereinbart, dass sie sich meldet, wenn unsere Tochter das erforderliche Mindestgewicht nicht vorweisen konnte. Das war dann auch hin und wieder, jedoch selten der Fall. Unsere Tochter wurde dann eine Frist von einer Woche zugestanden ihr Gewicht auf der Waage zu korrigieren. Ansonsten sollte ein Termin bei der Klinik vereinbart werden. Im September 2005 hörte die Psychologin vor Ort auf und da unsere Tochter schon längere Zeit kein Interesse an den Gesprächen bekundet hatte wurde vereinbart, dass die wöchentlichen Wiegetermine bei der Hausärztin fortgesetzt werden sollten. Bald stellte sich heraus, dass unsere Tochter ohne psychologische Unterstützung nicht auskam. Sie suchte Anschluss an Pro-Ana interessierte Frauen und Mädchen im Internet. Verschreckt haben wir unserer Tochter den Internetzugang gesperrt und Hilfe bei der Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie in Aachen gesucht. Dort wurde nach einer körperlichen Untersuchung festgestellt, dass ihr Körper keine weiblichen Hormone mehr produzierte. Es war Dezember 2005 und sie hatte ihr Essverhalten soweit verändert, dass sie nur noch im stehen und auch nur wenn keiner im Zimmer war etwas aß. Ein zweiter Klinikaufenthalt stand an. Dieses Mal erfolgte der Klinkaufenthalt für alle gelöster. Unsere Tochter wusste was auf sie zukam und der Ablauf des Aufenthaltes war ihr bekannt. Sie wusste auch, dass wir eine vorzeitige Entlassung dieses Mal nicht zulassen würden. Wir waren alle bestrebt, die gemachten Fehler nicht zu wiederholen. Dazu gehörte die Suche nach einer geeigneten Anschlusstherapie und der neue Vertrag sollte auf eine längere Sicht ausgestellt sein mit entsprechenden Gewichtsvorgaben für die Zukunft. Am 01.03.2006 wurde unsere Tochter dann entlassen, nachdem sie das freie Essen eingeübt hatte und das volle Therapieprogramm der Klinik durchlaufen hatte. Heute geht es unserer Tochter gut. Sie hat eine engagierte Therapeutin mit der sie sich gut versteht. Sie hat gelernt eigenständig zu essen und nimmt bei bedarf eine Ernährungsberaterin in Anspruch. Der zweite Klinikaufenthalt hat sich gelohnt und hätte nach heutiger Sicht schon früher erfolgen müssen. Unsere Tochter hat es noch lange nicht geschafft, aber sie ist auf einem guten Weg dahin.
Erfahrungsbericht von der Eltern der Patientin D.
"Essstörungen", "Magersucht" – wir hätten nie gedacht, dass so etwas einmal uns betreffen würde.
Vater:
Wie und wann "es" anfing, kann ich nicht mehr genau sagen. Irgendwann meinte meine Frau, dass unsere Tochter sehr dünn geworden sei und zu wenig esse. Sie war 14 Jahre alt und ich war der Meinung, dass das für ein Mädchen in diesem Alter "normal" sei. Außerdem hatte ich nicht den Eindruck, dass sie tatsächlich zu wenig isst.
In den nächsten Wochen und Monaten häuften sich die Hinweise seitens meiner Frau. Ich musste zugestehen, dass die Mengen, die unsere Tochter zu sich nahm, tat-sächlich nicht sehr üppig waren. Aber ich war noch weit davon entfernt, mir ernsthafte Sorgen zu machen. Viel mehr nervte es mich zunehmend, dass meine Frau das Thema immer wieder stresste.
Darüber wurde die Stimmung innerhalb der Familie immer schlechter. Wir beide (Eltern) stritten immer öfter; die Diskussionen mit unserer Tochter wurden ebenfalls immer heftiger und lauter und waren alles andere als fruchtbar.
Aber etwas dagegen unternommen haben wir leider noch immer nicht.
Mittlerweile waren vielleicht drei bis fünf Monate vergangen. Dann fuhr unsere Tochter auf eine einwöchige Klassenfahrt. Bei ihrer Rückkehr holte ich sie vom Bahnhof ab. In dem Moment, in dem sie aus dem Zug ausstieg (ich hatte sie eine Woche lang nicht vor Augen), wurde mir schlagartig klar, dass meine Frau die ganze Zeit recht gehabt hatte.
Gleichzeitig hatte sie sich im Bekanntenkreis verstärkt umgehört und mit einer betroffenen Mutter gesprochen, deren Tochter auch unter Essstörungen litt und in Behandlung gewesen war. Sie riet meiner Frau auf Grund ihrer Schilderungen dringend, etwas zu unternehmen!
Mutter:
Unsere Tochter hat immer weniger gegessen. Bei jeder Mahlzeit hatte sie gerade keinen Hunger oder war zu beschäftigt. Immer seltener saß sie mit uns am Tisch. Warum nur sieht mein Mann das Problem nicht? "Das ist doch in dem Alter normal. Was Du gleich wieder denkst", bekam ich ständig zu hören. Immer öfter stritt ich mit ihm über das Essverhalten unserer Tochter. Ich war genervt und machte mir Sorgen. Ich hatte ein Buch über magersüchtige Mädchen gekauft und meine Tochter hat es ge-lesen. "Schlimm, wirklich schlimm" meinte sie; bezog es aber nicht auf sich selbst.
Dann fuhr unsere Tochter eine Woche auf eine Klassenfahrt. Bei der Rückkehr sollte mein Mann sie abholen. Im Bekanntenkreis hatte ich mich parallel mit einer betroffenen Mutter ausgetauscht. Sie hat mir dringend geraten, professionelle Hilfe aufzusuchen, notfalls ohne meinen Mann.
Beide:
Das waren die auslösenden Momente. Noch in der selben Woche hatten wir einen Termin bei einem Spezialisten. Was wir hier zu hören bekamen, war erschütternd: Bei dem Gewicht, bei dem unsere Tochter mittlerweile angelangt war, bestand Gefahr auf irreparable Schädigungen der inneren Organe. Sie wurde sofort stationär in der Kinderklinik aufgenommen, um sie zunächst auf körperliche Schäden zu untersuchen.
Wir informierten uns weiter und stießen auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Aachen. Nach einer Woche verlegen wir unsere Tochter dorthin – ohne dass sie nochmals nach Hause kam.
Das war die absolut richtige Entscheidung. Von da ab ging es – nicht immer geradlinig aber stetig – bergauf.
Das Aachener Klinikum bietet Kurse an, um betroffene Eltern über die Krankheit zu informieren. Das ist eine sehr gute Einrichtung. Wir lernten, dass es sich überhaupt um eine Krankheit handelt; dass Diskussionen mit unserer Tochter bei dem gegenwärtigen Gewicht keinerlei Sinn haben. Biologisch begründet drehte sich in ihrem Kopf alles nur um das Thema "Nahrungsaufnahme" (auch wenn wir eher das Gefühl hatten, dass das Gegenteil der Fall ist). Sie war daher gar nicht in der Lage, auf (aus unserer Sicht vernünftige) Argumente einzugehen. Bevor überhaupt mit irgendeiner Therapie angefangen werden kann, muss sie erst wieder ein bestimmtes Mindestgewicht er-reichen.
Die Betreuung und Versorgung in Aachen haben wir als sehr gut empfunden. Anfangs traf zwar längst nicht alles, was wir vorfanden, auf unser Verständnis; da wir aber auf jeden Fall mit dem Team und nicht dagegen arbeiten wollten, hielten wir uns strikt an die Regeln. Beispielsweise waren Besuchszeiten mittwochs und an den Wochen-enden; an den übrigen Tagen konnten wir nur zu bestimmten Zeiten mit unserer Tochter telefonieren. (Die Betreuer waren jederzeit telefonisch verfügbar).
Das wichtige war aber, dass es professionelle Hilfe gab: Auf das Thema Essstörung spezialisierte Mediziner und Psychologen kümmern sich intensiv sowohl um die körperliche Gesundheit als auch um den psychischen Zustand der (größtenteils) Mädchen. Und nachdem wir wieder eine Perspektive hatten, fiel eine große Last von uns ab. Auch zu Hause entspannte sich die Situation zunehmend.
Die medizinischen Untersuchungen ergaben, dass glücklicherweise keinerlei körper-liche Schäden vorlagen.
Anfangs waren die Telefonate mit unserer Tochter schwierig. Sie versuchte, uns zu bewegen, sie dort "rauszuholen". Sie hätte begriffen, um was es geht und bräuchte die ärztliche Betreuung nicht mehr. In dem Elternkurs hatten wir gelernt, dass in den hungernden Kindern rudimentäre biologische Programme ablaufen, so dass die Mädchen nicht Herr ihrer selbst sind. Wichtig sei es zu unterscheiden "ob die Krankheit oder unsere Tochter zu uns spricht". Es ist verdammt schwer, das zu unterscheiden! Und wenn das weinende Kind vor einem steht und nach Hause will, dann möchte man sie am liebsten einpacken und schnellstens mitnehmen.
Wir und unsere Tochter haben durchgehalten. Nach vergleichsweise kurzer Zeit war auch unsere Tochter in der Lage, die Situation wieder realistisch wahrzunehmen und arbeitete seit dem Zeitpunkt ausgezeichnet mit. Sie wollte nun selbst auch wieder zunehmen. 500g bis 800g pro Woche waren ein hervorragendes Ergebnis.
Nach drei Monaten konnten wir unsere Tochter wieder nach Hause holen. Unser Verhältnis hat sich in dem Vierteljahr deutlich verbessert und war wieder so gut wie früher. Außerdem hatten wir ziemliches Glück, dass wir nahezu übergangslos eine ambulante, psychologische Betreuung fanden; die weiterführende medizinische Versorgung übernahm der Hausarzt.
Das war vor zwei Wochen. Bislang verläuft alles noch sehr gut und wir hoffen, dass es so weiter geht.
Fazit:
- Wir können nur allen betroffenen Eltern raten, handeln Sie bei Verdachts-momenten frühzeitig.
- Gehen Sie das erste Mal unbedingt zu jemandem, der Erfahrungen auf dem Gebiet der Essstörung hat und dies auch diagnostizieren kann.
- Unser großer Dank gilt dem Team von Herrn Dr. Hagenah der Kinder- und Jugendpsychiatrie KJ03 in Aachen. Ohne deren Hilfe wären wir es nicht geschafft.
- Großes Lob gebührt unserer Tochter, die den Aufenthalt in Aachen sehr gut gemeistert hat und auch nach ihrer Entlassung konsequent weitermacht.


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