Titel Magersucht
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Für Betroffene von Betroffenen

NEU: Erfahrungsbericht aus der Tagesklinik

Vor einiger Zeit beschloss meine Familie, dass es so mit mir und meinem „Essverhalten“ und auch meinem Gewicht so nicht weiter gehen konnte, da dieses sehr tief unten war und es mir sonst auch sehr schlecht ging. Also war es bald soweit und nach etwa vier Tagen bekam meine Mutter einen Anruf in dem ihr gesagt wurde, dass nun ein Bett in der Kinder und Jugendpsychiatrie frei geworden war, welches von dort an für mich gedacht war. Direkt am nächsten Tag packte ich meine Sachen und wir fuhren los, schon als wir vor dem großen Gebäude standen, wäre ich am liebsten direkt wieder davon gelaufen, doch nun ging es nicht mehr.

Der erste Tag war sehr schlimm für mich, da ich von meiner Familie getrennt war und noch niemanden dort kannte, aus diesem Grund weinte ich den ganzen Abend auf einzigen Einzelzimmer, welches für mich gedacht war. Nach den ersten Tagen erfuhr ich, dass es so etwas wie eine Studie gibt, an der alle Mädchen mit Essstörungen teilnehmen konnten: In dieser Studie wird getestet wie die Mädchen, die alle in Klinischer Behandlung sind , schneller gesund werden. In dieser Studie werden nur einige Mädchen ausgelost, die abends und am Wochenende zu Hause sein dürfen. Natürlich hoffte ich darauf eines von den Mädchen zu sein die ausgelost werden. Bei meinen Eltern war ich mir noch nicht so sicher, sie hatten zwar zugestimmt mich bei dieser Studie anzumelden, aber ich war mir nicht sicher wie sie reagieren würden wenn ich wirklich gelost werden würde. Heute kann ich diese Unsicherheit sehr gut verstehen, da ich sehr oft das Vertrauen meiner Elter ausgenutzt hatte und jetzt nicht mehr viel von diesem übrich war. Nach ungefähr zwei Wochen kam dann das Ergebnis der Losung, ich war total aufgeregt und konnte es nichtglauben als meine Therapeutin dann sagte: „Du bist Tagesklinisch ausgelost worden. Herzlichen Glückwunsch!“ In diesem Augenblick konnte ich es nicht glauben, ich war überglücklich und rief sofort meine Eltern an, die auf Anhieb nicht so begeistert waren. Nach dem ich die Nachricht erhalten hatte, musste ich noch eine Woche warten bis ich nach Hause durfte.

Nach der ersten Zeit zu Hause wurde meinen Eltern klar das sie sich nicht mehr soviele Sorgen machen müssen, da alles immer besser lief. Ich war so glücklich das ich zu Hause sein durfte und das wurde immer noch stärker als ich die anderen Mädchen und Patienten sah, die beim Mittagessen immer zugeteilt bekamen wann sie am Wochenende raus durften. Später durfte ich dann auch noch in meine eigene Schule gehen, das heißt das ich nur noch Nachmittags in die Klinik musste und direkt danach wieder nach Hause gehen durfte.

Alles in allem bin ich immer noch sehr froh, dass ich ausgelost wurde, ich würde jedoch auch sagen, dass die Tagesklinische Behandlung nicht für alle Patienten gedacht ist, da es doch sehr viele Möglichkeiten gibt (besonders am Wochenende) mit dem Essen zu mogeln.

Ich und mein Klinikaufenthalt

Am 20.04.06 bin ich auf die KJ 03 von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Aachen gekommen. Von Anfang an bekam ich einen Essplan, auch wenn der erste Plan nur aus 1500 kcal bestand war es echt super schwierig für mich . In den ersten drei Wochen wurde der Plan auf 2000 Kcal gesteigert und ich kämpfe heute noch fast jeden Tag mit dem Essen. Doch ich habe auch schon 1,5kg zugenommen und fühle mich bis jetzt super wohl mit meinem Gewicht. Ich habe allerdings große Angst davor, dass ich mich irgendwann wieder zu dick finden könnte, das wäre schrecklich.

Die erste Woche hier war sehr schwierig, ich durfte kaum raus und an den Aktivitäten nur beschränkt teilnehmen. Das fiel mir besonders schwer, weil ich mich sonst immer viel bewegt hatte. Auch mit den Mitpatienten war es am Anfang schwer, aber da habe ich mich schnell dran gewöhnt. Meine gesamte Stimmung hat sich sowieso nach kurzer Zeit verändert und ich bin nur noch selten so richtig traurig. Schon nach einer Woche durfte ich zur Entspannung, Mümmelgruppe und Ernährungsgruppe und Ergotherapie. Diese Gruppen helfen mir neben der Einzeltherapie am meisten, weil ich vieles lerne was ich später hoffentlich auch anwenden werde. Ich finde es auch sehr wichtig und hilfreich sich mit anderen Essgestörten auszutauschen und sich gegenseitig Tipps zu geben, denn da lernt man mit seiner Krankheit offen umzugehen und sieht, dass man nicht alleine ist.

Ich und mein Klinikaufenthalt

Sicher war die Entscheidung, in diese Klinik zu kommen nicht vollkommen freiwillig und nicht immer konnte ich so hinter dieser Entscheidung stehen wie heute. Doch wenn ich mich heute betrachte, nachdem ich 2 ½ Monate nun fest hier bin, muss ich sagen, dass ich überrascht bin, wie viel ich mit Unterstützung der Klinik schon geschafft habe. Die Zeit hier war nicht immer angenehm, und ich kann kaum mehr zählen, wie oft ich das hier alles schon verflucht habe. Doch versuche ich nüchtern zurückzublicken, war es die einzig richtige Entscheidung, die mir vielleicht sogar das Leben gerettet hat und mir teilweise jetzt schon wieder die Möglichkeit gibt, ich selbst zu sein.

Ich und meine Magersucht

Dieses Kapitel fing an für mich im September 2004. Da erfuhr ich durch eine Handwurzelberechnung, dass ich nur noch höchstens 2 cm wachse. Ich würde also höchstens 1,54 m groß werden.

Als ich das erfuhr, war ich erstmal total niedergeschlagen und ich befand mich in einer richtigen Krise. Da wir fünf Monate zuvor auch noch umgezogen waren und ich jetzt mit meiner Mutter und ihrem neuen Lebenspartner zusammen lebte, mit dem ich mich überhaupt nicht verstand, lief zu Hause auch alles super schlecht. Die Stimmung war immer scheiße und ich fühlte mich super unwohl. Da begann ich weniger zu essen und viel Sport zu machen. Ich ging jeden Tag mehrmals auf die Waage und beschäftigte mich eigentlich nur noch mit meinem Gewicht und Aussehen. Das einzige was mich immer erfreute waren ein paar Gramm weniger. So ging es ungefähr vier Monate bis ich sieben Kilo abgenommen hatte. Doch dann war ich irgendwann ziemlich schlapp und meine Stimmung wurde immer schlechter. Silvester 2004 bekam ich einen Magendarmvirus der mich total umhaute. Ich nahm wieder drei Kilo ab und fühlte mich auf der einen Seite wohl, aber auf der anderen Seite auch nicht. Meine Eltern machten sich natürlich Sorgen und es gab oft Streit. Eigentlich funktionierte gar nichts mehr und in meinem Kopf drehte sich fast alles nur ums Essen. Meine Eltern drängten mich dazu wieder zuzunehmen und drohten mit einer Therapie, die ich aber nicht wollte. Die eine Seite in meinem Kopf wollte auch wieder zunehmen, die andere Seite wollte aber so bleiben. Und irgendwie fühlte ich mich zum ersten mal wohl und gut mit meiner Figur. Seitdem ist das Gewicht immer mal wieder hoch gegangen, doch dann fühlte ich mich gleich wieder viel schlechter, habe wieder weniger gegessen und abgenommen. Trotz meines niedrigen Gewichtes, schickten mich meine Eltern nach England für ein Jahr (in der 11.Klasse). Das klappte auch erst alles super. Ich schaffte es mein Gewicht zu halten. Der Wechsel tat mir auf jeden Fall gut und es war echt super. Nach einem halben Jahr verschlechterte sich mein Gewicht aber auch dort. Das lag wahrscheinlich daran, dass ich mich mit der Schule total unter Stress setzte und immer mehr Sport machte. Immer wenn ich in den Ferien nach Hause kam, wurde ich erstmal krank und nahm wieder mehr ab. Auch zu Hause lief alles nicht so gut, meine Mutter wechselte dreimal in 2 Monaten ihren Freund und mit meiner Schwester war es auch schwierig. … aber ich war wahrscheinlich auch oft durch meine schlechte und traurige Stimmung nervend! Ostern 2006 entschieden dann doch meine Eltern und die Ärzte, dass ich in die Klinik sollte. An diesem Zeitpunkt war ich ein ¾ Jahr in England gewesen und in den regulären Osterferien hörte ich dann ich könnte erstmal nicht wieder zurück. Ich konnte mich noch nicht mal richtig bei meinen Freunden verabschieden.

Meine Magersucht hat mir also einen richtigern Strich durch die Rechnung gemacht!


Bilder zum Krankheitsverlauf


Ich und mein Klinikaufenthalt

Ich glaube, es ist inzwischen schon 5 Jahre her, dass mein Problem mit dem Essen begann. Damals war ich in der 5.Klasse und fand mich plötzlich zu fett. Ich begann mit meiner ersten Diät. Schnell kannte ich die Kalorientabelle auswendig und begann, mich ständig auf die Waage zu stellen. Wenn ich abgenommen hatte, fühlte ich mich frei und ganz leicht. Dann ging es mir richtig gut. Wenn ich aber zugenommen hatte, fühlte ich mich wie einer Versagerin. So ging das einige Zeit lang. Essen wurde in unserer Familie das einzige Gesprächsthema. Verzweifelt schleppten meine Eltern mich zum Arzt. Irgendwann akzeptierte ich, dass ich etwas mehr wiegen musste. Das Kalorienzählen ließ ich trotzdem nicht. In der 7.Klasse fühlte ich mich wieder total fett und nahm 4 kg ab, als ich eine Woche zum Schüleraustausch nach Frankreich fuhr,. Danach ging es mir wieder gut, ich konnte mich akzeptieren. Aber diese Phase hielt nicht lange an. Im darauf folgenden Jahr fuhr ich wieder eine Woche zum Austausch und nahm fast 4 kg ab. Zu Hause versuchte ich, immer noch ein bisschen weniger zu wiegen. Dann fuhren wir in den Sommerurlaub. Ich war mittlerweile völlig abhängig von meiner Waage geworden. Ohne meine Waage hätte ich mich gefühlt, als hätte mir ein Arm oder ein Bein gefehlt. In diesem Urlaub nahm ich wieder 6 kg ab. Ich fühlte mich so leicht und so glücklich. Und ich kam mir sehr stark vor, auch wenn ich in Wirklichkeit immer schwächer wurde. Meine Eltern flehten mich an, zu essen. Sie redeten dauernd auf mich ein, aber mich beeindruckte das nicht. Ich hörte mir zwar an, was sie zu sagen hatten, aber ich fühlte mich irgendwie nicht angesprochen. Meine Mutter schleppte mich jede Woche zum Wiegen zu ihrem Hausarzt, der mich schließlich mit einem Gewicht von 32 kg in die Klinik überwies.
Ich weiß noch ganz genau, wie ich gefühlt habe, als mein Arzt mich in die Klinik einweisen wollte. Ich war nie betäubt. Meine Gedanken überschlugen sich, ich bettelte um eine 2.Chance. Ich versprach, bis zur nächsten Woche 500 g zuzunehmen. Aber es half nichts. Die Entscheidung war gefallen. Ich hatte wieder abgenommen und damit war es klar: Ich musste ich in die Klinik. Ich durfte mir in die Klinik ein paar Tage vorher angucken. Als ich das Schild am Eingang las, wäre ich am liebsten sofort wieder gegangen. KLINIK FÜR KINDER UND JUGENDPSYCHITRIE und PSYCHOTHERAPIE. Ich hab mich so geschämt, weil da "Psychiatrie" draufstand. Obwohl ich ja eigentlich wusste, dass psychische Erkrankungen wie meine Essstörung eben Krankheiten der Seele sind, für die man sich nicht schämen muss. Ein dünnes Mädchen stand am Fenster und guckte mit großen traurigen Augen zu uns herüber. Dann ging ich in das Gebäude rein. Nach einem Gespräch mit dem Oberarzt durfte ich mir die einzelnen Stationen angucken. Ich war überrascht: Sie waren eigentlich eher wie eine Jugenherberge eingerichtet, gar nicht wie ein Krankenhaus. Es gab einen großen Aufenthaltsraum auf jeder Etage, eine Küche, Badezimmer und Schlafräume. Jedes Kind hatte ein Schließfach, in das es wichtige dinge einschließen konnte. Die Räume waren hell und bunt. Es gab sowohl Einzelzimmer als auch welche, die sich mehrere Personen teilten. 2 Betreuer zeigten mir die Schlafräume. Ein paar Mädchen schauten mich neugierig an. Manche von ihnen hatten Schläuche in der Nase. Die Betreuer erklärten mir, dass die Mädchen durch die „SONDEN“ künstlich ernährt wurden.
Dann sagten sie mir, dass essgestörte Patientinnen bei ihnen einen individuellen Essplan von einer Ernährungsberaterin erstellt bekommen, der dann immer wieder erhöht wird, wenn das Gewicht nicht langsam ansteigt. Das beruhigte mich. Ich hatte die Befürchtung gehabt, sofort ganz ganz viel essen zu müssen. Die Betreuer erklärten mir, dass jeder Patient und jede Patientin 2 Bezugsbetreuer bekommt, die sich dann ganz speziell den Problemen, Ängsten und Fragen ihrer Bezugskinder widmen. Es sollte 6 Mahlzeiten am Tag geben.: Frühstück, Mittag, Abendessen und 3 Zwischenmahlzeiten. Das fand ich total schlimm. So viel essen zu müssen – HORROR! Die Betreuer beruhigten mich aber, sie erklärten mir noch einmal, dass der Essenplan man Anfang nicht viele Kalorien enthalten würde, weil mein Magen es ja gar nicht gewöhnt war, große Mengen an Nahrung aufzunehmen.

Ich und meine Magersucht

Viele Höhen und Tiefen habe ich mit ihr erlebt. Oft war sie meine beste Freundin, doch mindestens genauso oft meine ärgste Feindin. Die Magersucht hat mir zwar auf den ersten Blick auch positive Dinge und Eigenschaften, wie gesteigerten Ehrgeiz und Zielstrebigkeit gebracht, doch überwiegen rückblickend doch eher die negativen Dinge. Heute, wo ich an einem Punkt bin, an dem ich vieles neutraler betrachten kann, kann oder muss ich sogar sagen, dass die Magersucht mir fast 2 Jahre meines Lebens gestohlen hat, in denen ich nicht mehr ich selbst sein konnte!


Vorbeugung zur Magersucht

Setz Dich und überlege genau was du möchtest!
Es können ganz unterschiedliche Dinge sein, wie z.B. ein blaues Fahrrad oder das neue tolle Buch von deinem Lieblingsautor.
Es kann aber auch etwas sein, was du verändern willst: Deine Schulnoten, Dein Verhalten anderen Menschen gegenüber, Dein Leben? Konntest Du irgendetwas bisher nicht ertragen oder verarbeiten?
Falls Du denkst, dass nur Du daran schuld bist oder etwas falsch gemacht hast, könntest du falsch liegen. Vielleicht warst Du bisher derjenige, der alles richtig gemacht hat. Wenn etwas schief läuft sind meist mehrere beteiligt. Denkst Du, Du kannst etwas wieder rückgängig machen oder Dich selbst beeinflussen, wenn Du dünner wirst? Mal ehrlich, hat das, was passiert etwas mit Deinem Aussehen zu tun? Hingen diese Dinge zusammen, so wäre es doch viel besser schön und gesund zu sein, als unterernährt und schlecht gelaunt. Denn diese schlechte wechselhafte Laune wird kommen und dann ist es zu spät den Verlauf selbst zu beeinflussen.
Was isst Du am allerliebsten? Nudeln in Soße? Schokolade? Pizza? Willst Du nicht können, um Deinem Leben Geschmack und Genuss zu verleihen? Stell Dir vor Du wirst eingeladen; Klingt es nicht verlockend toll mit anderen zu feiern und glücklich zu sein?
Denke nicht, es kann auch so sein, wenn Du wenig isst und super schlank bist, denn es werden alle merken. Die Sorgen der anderen um Dich lassen sie von Dir wenden und das, was Du wolltest, dass es besser wird, ins Gegenteil verändern. Also: Setzt Dich und überlege genau was Du möchtest – und ob Du Hilfe brauchst!

15 Jahre